„Saint-Trop“ – ein lebendiger Mythos, ein verheißungsvoller Name, ein Ort
voller Klischees! Zu Zigtausenden eilen die Touristen herbei, um etwas vom
vermeintlichen Glanz der Reichen und Schönen zu erhaschen. Meidet man
die von Ostern bis Oktober währende Saison, dann präsentiert sich Saint-
Tropez als beschaulicher Küstenort – aber dann ist Saint-Tropez eben nicht
mehr Saint-Tropez.
„Bei aller Liebe – aber dann schon lieber Neuruppin. Dunkel sind die Gassen,
ein Betrunkener durchschimpft sie, aus einem braunen Hause hört man einen
Zank. Die Laternen brennen trübe. Am Hafen liegt ein Gewirr von Tauen und
Segelleinwand, überall drücken sich Männer herum, es ist schmutzig und dürftig“,
schrieb Kurt Tucholsky im November 1925 kurz nach seiner Ankunft in sein
Tagebuch.
Welch ein Unterschied zwischen damals und heute! Fraglos gehört
das bunte Treiben in dem Küstenstädtchen seit geraumer Zeit zu den Hauptattraktionen
an der Côte d’Azur. Doch auch Freunde moderner Kunst haben einen
Grund, nach Saint-Tropez zu pilgern: Das Musée de l’Annonciade besitzt eine
überaus beachtliche Kunstsammlung mit Bildern von Matisse und Signac sowie
Skulpturen, die größtenteils aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts stammen.
Wer in den Monaten Juli und August erst am späten Nachmittag oder frühen
Abend nach Saint-Tropez aufbricht, muss damit rechnen, die letzten Kilometer
Stoßstange an Stoßstange im dichten Ferienverkehr zu stehen (Zum Trost für jeden
Staugeplagten sei die berühmte Schriftstellerin Colette zitiert: „Eine einzige
Straße führt nach Saint-Tropez. Um von hier wieder abzureisen, muss man dieselbe
nehmen. Aber möchten Sie jemals wieder abreisen?“).
Fünf Millionen Besucher
werden alljährlich gezählt, an manchen Tagen bis zu 100.000! Auf dem
Großparkplatz am neuen Yachthafen stapeln sich dann die Blechkarossen und eine nicht enden wollende Menschenmenge strömt der Altstadt entgegen. Am
alten Hafen bieten dritt- und viertklassige Landschafts- und Portraitmaler ihre
Werke feil, in den Cafés ist auch der letzte Stuhl besetzt und Mr. Gigolo versucht
– meistens bleibt es nicht beim Versuch –, die Damenwelt mit dem tiefen,
gleichmäßigen Blubbern seiner Harley-Davidson zu beeindrucken.
Ein besonderes
Schauspiel ereignet sich allabendlich am Hafenkai: Begafft vom „Pöbel“, lässt
sich die Hautevolee auf ihren an Ozeandampfer erinnernden Yachten – manch
einer wäre glücklich, wenn er nur mit dem Beiboot die Küste entlang schippern
könnte – von einer livrierten Dienerschaft ein mehrgängiges Menü kredenzen.
Nirgendwo sonst an der Côte d’Azur lässt sich das Spektakel des Sehen und Gesehen
werdens besser miterleben als in Saint-Tropez; schwungvoll brodelt es
rund um den Hafen bis in die frühen Morgenstunden hinein.
Das anstrengende
Leben gestattet einen Strandbesuch erst am frühen Nachmittag, um sich dort
den nötigen Teint und die Kraft für die Freuden der Nacht zu holen ...
Wer es einrichten kann, sollte aber unbedingt einmal im Frühjahr oder Spätherbst
nach Saint-Tropez kommen. Dann nämlich, wenn die Fremden nur noch
paarweise statt in Horden in die Stadt einfallen und sich aus dem Lärm wieder
das Klackern einzelner Absätze heraushören lässt, zeigt sich in den Gassen und
auf den Plätzen das typische Leben einer französischen Kleinstadt. In den Wintermonaten
dominieren die rund 6.000 Einheimischen wieder das Stadtbild von
Saint-Tropez, zahlreiche Boutiquen, Hotels und Restaurants haben geschlossen,
das Leben verläuft wieder in gemächlicheren Bahnen, die Pétanque-Spieler
gehen unter den Platanen der Place des Lices wieder ungestört ihrem Vergnügen
nach.
Eine Leseprobe aus dem Reisehandbuch "Côte d’Azur" aus dem Michael Müller Verlag.
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Reisehandbuch "Côte d’Azur"
Artikel von Ralf Nestmeyer, bei Hihawai veröffentlicht am 16.05.2011 um 14:55 Uhr