Nach Lucca wollte sie also! Seit wir hier kreuz und quer durch die Toskana fuhren, hatte Hihawaii immer so ein verzücktes Lächeln im Gesicht.
Und jetzt wollte sie also nach Lucca. Sie war früher schon einmal da gewesen und ich müsse unbedingt Lucca sehen. Na gut! Warum nicht?
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Ich also kurz in den Reiseführer gekuckt: "Lucca ist eine mittelalterliche Stadt, umringt von einer Stadtmauer mit einer lieblichen Atmosphäre." Das reichte mir erst einmal. Sie war ja schon einmal da und konnte mir alles zeigen.
Die Lage: Nördlich von Pisa und vielleicht 50 Kilometer vom Meer entfernt. O.K. das finden wir schon.
Wir fahren von Viareggio aus über die kleinen Nebenstrecken durch die Berge. Eine wunderbare bewaldete Landschaft. Als es wieder abwärts geht, ändert sich das. Statt waldigen Hügeln flaches Ackerland, das zunehmends industrieller wird, je näher man der Provinzhauptstadt kommt. Die Vorstadt wirkt verschlafen, die Straßen sind für Italien ungewöhnlich breit, von Antike keine Spur.
Dann die Straße, die im Kreis um die Altstadt führt - das sagen zumindest die Schilder. Aber wo ist die Altstadt? Hihawaii strahlt schon wieder, kann es kaum erwarten bis wir den Wagen abgestellt haben. Ich parke schließlich östlich der Altstadt in der Viale G. Marconi. Erst jetzt, da ich mich nicht mehr auf den Verkehr konzentrieren muss, erkenne ich: Dieser grasbewachsene und bewaldete Hügel mit den Joggern und Spaziergängern drauf, das ist die Stadtmauer.
Verblüfft stehe ich davor. Meine Frau meint, "dass wir da unbedingt einen Spaziergang drauf machen müssen. Die Mauer sei 12 Meter hoch, bis zu 30 Meter breit und man könne da ganz toll unter den Bäumen flanieren. Natürlich gebe es immer wieder ganz tolle Ausblicke auf die Umgebung." Ich frage mich, ob sie geschlafen hat, als wir eben durch die Berge gefahren sind.
Wir betreten die Altstadt durch die Porta Elisa: So langsam werden die Gassen schmaler die Häuser älter. Aber nicht wirklich alt. Vielleicht vom Anfang des letzten Jahrhunderts und ein wenig heruntergekommen. Ist das alles? Was ist mit der liebliche Atmosphäre, der mittelalterlichen Stadt Lucca? Ich schaue mich mal nach Hihawaii um: Sie wirk unverändert froh und verzückt.
Doch je weiter wir laufen, je enger und dunkler werden die Gassen. Unter unseren Füßen Kopfsteinpflaster, links und rechts hohe 5 stöckige Häuser. Ja, die hier sind jetzt wesentlich älter. Mein Fotoapparat verweigert den Dienst und besteht auf Blitzlicht - am hellichten Tage! Irgendwie wird es kühl. Modrigkeit liegt in der Luft. Davon kündet auch der an vielen Häusern bröckelnde Putz. Meine Frau strahlt jetzt wie ein Pfefferkuchenpferd: "Das ist Italien, wie ich es liebe."
Ich bin verwundert: Eine Kolonne Maler und Anstreicher könnte das hier schon mal auf Vordermann bringen.
Die Haupteinkaufstraße, die Via Fillungo, ist dann ein wenig breiter. Platz hat man um so weniger: Hier drängen sich Scharen von Menschen. Einheimische, die noch schnell ein paar Besorgungen machen, Touristen wie wir und alte Menschen, die den neusten Tratsch austauschen und im Weg herumstehen. Meine Frau ist ganz wild auf die vielen kleinen Negozi und würde den Parmaschinken am liebsten am Stück, also am Schwein kaufen. Auch die Sitzplätze der Ristoranti auf der Gasse haben es ihr angetan. Sie, die daheim direkt das Gesicht verzieht und die Flucht ergreift, wenn sie im Retaurant ein wenig Staub erblickt.
Heller wird es auf der Piazza S. Michele mit der Kirche San Michele. Dass die eigentlich wunderschöne Front der Kirche mit fast 50 verschieden ausgearbeiteten Säulen bestückt ist, kann mich jetzt nicht mehr wirklich begeistern. Auch dem Oval der Piazza del Mercato, die an ein Theater nicht nur erinnert, sondern es in römischer Zeit auch einmal war, kann ich nicht mehr viel Gutes abgewinnen. Es gibt einfach nichts, was sich gut fotografieren lässt und selbst auf dem Platz ist es zu dunkel. Meine Frau schaut sich die Ausstellungstücke der Geschäfte, die sich in den unteren Etagen der Häuser ringsherum befinden, einzeln an.
Wir finden ein Plätzchen vor einer Trattoria. Die Gasse ist eng. Die Häuserwände schwarz und bröcklig. Die Luft muffig. Die Insekten, die an der Häuserwand neben mir hochkrabbeln haben mehr Beine als ich zählen will. Doch die Pasta sind allerfeinst. Die Stimmung verzückt. Alles ist so wunderbar. Nur mal eben die Weste überziehen, weil sie ein bißchen friert - hier im Schatten.